Berliner Professorin für Hygiene, Petra Gastmeier, erhält den Robert-Koch-Preis für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention 2015

7. September 2015

Für ihre herausragenden Leistungen auf dem Gebiet der Surveillance nosokomialer Infektionen erhält Professorin >>Petra Gastmeier von der Berliner Robert-Koch-Stiftung den „Preis für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention“ erhalten. Die Leiterin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin an der Berliner Charité ist nach Professor Helge Karch (Münster) die zweite Preisträgerin der 2013 geschaffenen und mit 50.000 Euro dotierten Auszeichnung. „Durch die Etablierung des Krankenhaus-Infektions-Surveillance-Systems (KISS) in deutschen Krankenhäusern haben die Preisträgerin und ihr Team maßgeblich zur Verbesserung der Krankenhaushygiene in unserem Land beigetragen“, sagt Hubertus Erlen, Vorstandsvorsitzender der Robert-Koch-Stiftung. Die Preisübergabe erfolgte am Montag, 7. September 2015, im Festsaal des Berliner Rathauses.

Professorin Gastmeier setzt im Kampf um Patientengesundheit nicht Skalpell, Stethoskop oder Medikamente ein, sondern geht mit Schulungsmaßnahmen und Hygienemodulen gegen die Verbreitung von Krankenhausinfektionen vor. Nosokomiale Infektionen gehören in Deutschland zu den wichtigsten Komplikationen von medizinischen Behandlungen und führen neben dem persönlichen Leid der Patienten zu längeren stationären Aufenthalten und höheren Kosten. Genaue Zahlen liegen nicht vor, Schätzwerte gehen von jährlich 10.000 bis 15.000 Patienten aus, die an einer im Krankenhaus erworbenen Infektion versterben. Wie schwer es ist, nosokomiale Übertragungen zu erkennen und zu vermeiden, zeigen die aktuellen Ausbrüche von Acinetobacter baumannii in deutschen Kliniken und die Fälle von MERS-Coronavirus in Korea.

Die Erfassung und Überwachung nosokomialer Infektionen stellen ein äußerst wirksames Werkzeug für deren Vorbeugung dar. Petra Gastmeier und ihre Mitarbeiter am Nationalen Referenzzentrum für Surveillance und nosokomiale Infektionen haben mit der Entwicklung des Krankenhaus-Infektions-Surveillance-System mit dem einprägsamen Kurznamen „KISS“ den Schutz der Patienten vor Krankenhausinfektionen maßgeblich verbessert. Beginnend mit 20 teilnehmenden Krankenhäusern im Jahr 1996 liegt die aktuelle Teilnehmerzahl bei über 1400 Kliniken. Die Krankenhäuser nutzen den Vergleich der eigenen Infektionsdaten mit „Referenzdaten“ und Zahlen vergleichbarer Stationen, um das eigene Infektions- und Hygieneniveau einordnen zu können und vorbeugende Maßnahmen einzuführen und zu bewerten. Wesentliche Prinzipien des KISS sind die freiwillige Teilnahme und die Vertraulichkeit der Ergebnisse.

Gastmeier hat die Etablierung des KISS, die wissenschaftliche Auswertung der Daten und die konsequente Umsetzung in die medizinische Praxis zu ihrem Hauptanliegen gemacht: Im Unterschied zu anderen Ländern wurden für das KISS von Professorin Gastmeier und ihrem Team zusätzliche Surveillance-Module entwickelt, von denen HAND-KISS zur Händehygiene mit mehr als 1000 teilnehmenden Krankenhäusern am häufigsten eingesetzt wird. Die KISS-Module sind auf den Patientenkreis (z.B. NEO-Kiss für Frühgeborene), das Behandlungsspektrum (z.B. OP-KISS für chirurgische Stationen) oder einen Erreger (MRSA-KISS) ausgerichtet. Die Anwendung dieser Module befähigt die teilnehmenden Stationen, Defizite in der Hygiene zu erkennen und zu überwinden. Gleichzeitig wurden durch das KISS umfangreiche Datenbanken geschaffen, die wissenschaftliche Analysen der Epidemiologie und Pathogenese von nosokomialen Infektionen ermöglichen und den Einfluss verschiedener Patienten- und Krankenhausbedingter Faktoren messbar machen.

Von besonderer Bedeutung für die Krankenhaushygiene sind Antibiotika-resistente Erreger wie z.B. Staphylokokken, Acinetobacter und Pseudomonaden, die bei Vorliegen von Resistenz gegen drei oder vier der zur Verfügung stehenden Antibiotikaklassen nur noch eingeschränkt behandelbar sind. Darüber hinaus besteht ein hohes Risiko, dass sich diese Keime im Krankenhaus ausbreiten. Zur Vermeidung von Infektionen mit multiresistenten Erregern gibt es zwei Ansatzpunkte, die Beratung beim Verschreiben von Antibiotika und Erfassung der Verordnungen („Antibiotic stewardship“) und das Verhindern der Übertragung der Erreger durch Klinikpersonal und Patienten. Auf diesen Gebieten hat Petra Gastmeier einen herausragenden Beitrag geleistet. Beispielhaft ist die von ihr seit 2008 geleitete „Aktion saubere Hände“, die Kampagne für die Verbesserung der Umsetzung der Händedesinfektion in deutschen Gesundheitseinrichtungen. Die 1500 teilnehmenden Einrichtungen wie Krankenhäuser und Pflegeheime erfassen den Verbrauch an Desinfektionsmitteln und konnten durch Schulungsmaßnahmen den Verbrauch an Händedesinfektionsmittel um bis zu 80 % steigern.

Petra Gastmeier ist Trägerin des Hauptpreises der DGHM (Deutsche Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie) sowie des Hygiene-Preises der Rudolf-Schülke-Stiftung. Sie ist Mitglied der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention und des Beirats Infektionsepidemiologie/Public Health Mikrobiologie am Robert Koch Institut. Sie und ihre Kollegen haben weit über 300 wissenschaftliche Arbeiten in international bedeutenden Zeitschriften publizieren können. In Anbetracht aller dieser Erfolge verwundert es nicht, dass sie in Hygienikerkreisen unter dem Namen „Miss Kiss“ bekannt ist, diese Bezeichnung darf durchaus als Ehrentitel verstanden werden.

Weiterführende Informationen zum Krankenhaus-Infektions-Surveillance-Systems (KISS) finden Sie unter: www.nrz-hygiene.de und www.aktion-sauberehaende.de


>>Foto und Lebenslauf der Preisträgerin Petra Gastmeier
>>Fotos der Preisverleihung


Informationen zum Preis
In Deutschland erkranken jährlich ca. 500.000 Patienten an Krankenhausinfektionen – über 10.000 mit tödlichem Ausgang. Diese Zahlen weisen darauf hin, dass die Hochleistungsmedizin an ihre Grenzen gestoßen ist. Die Verbesserung der Umsetzung krankenhaushygienischer Maßnahmen und die Entwicklung neuer Strategien zur Therapie und Prävention von nosokomialen Infektionen sind daher dringend erforderlich. Deshalb hat die Robert-Koch-Stiftung vor zwei Jahren den „Preis für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention“ ins Leben gerufen. Ziel des Preises ist, beispielhafte Leistungen auf dem Gebiet der Krankenhaushygiene und der Infektionsprävention sichtbar zu machen. Der Preis soll als Ansporn dienen, durch neue wissenschaftliche und anwendungsorientierte Projekte den Hygienestandard in unseren Krankenhäusern zu verbessern.

Der Robert-Koch-Preis für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention wird finanziell von der B. Braun Melsungen AG unterstützt.

Über die Robert-Koch-Stiftung
Die Robert-Koch-Stiftung e.V. ist eine gemeinnützige Stiftung zur Förderung des medizinischen Fortschritts mit Sitz in Berlin. Sie fördert die wissenschaftliche Grundlagenforschung auf dem Gebiet der Infektionskrankheiten sowie beispielhafte Projekte zur Lösung medizinischer und hygienischer Probleme. Schirmherr der 1907 gegründeten Stiftung ist Bundespräsident Joachim Gauck.

Die Stiftung vergibt alljährlich mehrere hochrangige wissenschaftliche Auszeichnungen: den Robert-Koch-Preis, der zu den höchstrangingen wissenschaftlichen Auszeichnungen in Deutschland zählt, die Robert-Koch-Medaille in Gold, drei Auszeichnungen für den wissenschaftlichen Nachwuchs und erstmals seit 2013 den Preis für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention.

Robert Koch (1843 – 1910), nach dem der Preis benannt ist, hat die moderne Bakteriologie begründet. Dafür erhielt er im Jahr 1905 den Nobelpreis für Medizin und Physiologie. Koch leitete von 1891 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1904 das Institut für Infektionskrankheiten in Berlin.

Kontakt:
Christine Howarth, Geschäftsstelle der Robert-Koch-Stiftung
Tel: +49 (0)30-468-11599, Email: info@robert-koch-stiftung.de

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